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Sonnenfinsternis in Düsseldoof (JUNI 13)

Liebe Freunde des politischen Kabaretts,

 

wir alle kennen den Satz: "Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge große Schatten." Und dachte man bislang, dies sei ein Sinnbild, welches nicht unterboten werden könne, so ist das Gegenteil jetzt bewiesen, und zwar in Düsseldorf. Denn in Düsseldorf haben die Zwerge die Sonne gezwungen, sich komplett zu verfinstern. 

 

Was ist passiert?

Vor einiger Zeit hatte mal ein Regisseur dem Intendanten der Düsseldorfer Oper vorgeschlagen, er wolle Richard Wagners "Thannhäuser" mal so inszenieren, dass die antisemitischen Aspekte des Komponisten mit den historischen Konsequenzen assoziativ auf der Bühne zu sehen sein sollen. Mit anderen Worten: Der Vorhang geht auf, und man sieht auf der Bühne Gaskammern und Hinrichtungen. 

Eine solche Idee muss man nicht gut finden, man kann sie sogar richtig Scheiße finden, man darf sie aber auch gut finden. Für einen Intendanten jedenfalls ist genau das ist der Moment, in dem er sich entscheiden muss: Entweder dem Regisseur höflichst den Weg zur Tür zu zeigen und danach noch raus aus der Stadt, oder aber sich damit einverstanden zu erklären.

 

Besagter Düsseldorfer Opernintendant tat letzteres, und hat hat dem Regisseur nicht nur einen Produktionsauftrag erteilt, sondern auch ein Honorar und einen Etat zur Verfügung gestellt, was sich beides aus Steuergeldern speist. Denn die Düsseldorfer Oper ist kein Privattheater, sondern wie alle Staats- und Stadttheater vom Status her eine Behörde. Ihr habt richtig gelesen. Eine öffentlich finanzierte Bühne ist nix anderes als ein Amt. Ein Amt zur Produktion von Bühnenkunst. Und wer die Mentalität von Mitarbeitern anderer Ämter und Behörden kennt, ahnt jetzt auch, warum die Qualität in Deutschlands Theatern ist, wie sie ist.

 

Wie auch immer, die Zeit verstrich, Monate gingen ins Land. Sänger probten ihre Partituren, Musiker ihre Einsätze, Bühnenbildner schraubten Kulissen zusammen, und ein Regisseur tat das, was ein Regisseur so tut: sich mit Dramaturgen rumärgern, vom Assistenten Kaffee bringen lassen, die Praktikantin anbaggern, und die Darsteller je nach Grad der Neurose annölen oder zusammenbrüllen, was alles anders gemacht werden muss, damit das ganze eine Erfolg wird, anderenfalls könne man ja auch abreisen. Alles ging also seinen gewohnten Gang. Und auch der Intendant saß in den Endproben, und hatte keine Einwände.

 

Und dann war er gekommen, der Tag der Premiere. Der Vorhang ging auf, und man sah auf der Bühne Gaskammern und Hinrichtungen. Und dann.....buhten ein paar  Wagnerianer-Wüteriche sich die Lunge aus dem Leib und verließen Türen knallend den Zuschauerraum. 

Man kennt sie, und nicht nur in Düsseldorf, diese spießbürgerlichen Werkstreue-Apostel und konservativen Kunstfeinde, Gefühlskrüppel und Menschensimulanten, Primaten in Anzug und Abendgarderobe, die in ihrer Kindheit nie im Dreck gespielt haben, und jetzt anderen erklären wollen, wie das Leben auf einer Bühne abgebildet werden muss. Mit anderen Worten. Alles ganz normal.

 

Hätten sich aber nicht außerdem noch ein paar ganz besonders sensible Abonennten-Seelchen nach der Premiere in ärztliche Behandlung begeben. Ihr lest richtig. Weil sie sich im Theater kurz mal die Grausamkeit der Welt angucken mussten, sind ein rundes Dutzend Premieren-Gäste zum Arzt gerannt. Was genau dort als Diagnose festgestellt wurde, ist nicht bekannt, aber das war anscheinend der eine Tropfen, der den Rubikon überschritten hat, und dem Intendanten zum Anlass gereichte, den Regisseur aufzufordern, die "schlimmsten" Szenen nachträglich abzumildern. Was besagter Regisseur verweigerte. Worauf der Intendant die Inszenierung vom Spielplan absetzte. Kein Witz! Das wars! Schluss! Aus! Feierabend! Und zwar endgültig!

 

Bei der Uraufführung von Schillers "Räuber" im Jahr 1782 sind im Zuschauerraum reihenweise Damen in Ohnmacht gekippt. Hätte man damals so reagiert, wie heute in Düsseldorf, wäre für Generationen der Deutsch - und Germanistikunterricht anders ausgefallen. So gesehen - schade eigentlich.

 

Aber im Jahr 2013 bestimmt in der Düsseldorfer Oper ab sofort eine Elite, was für den Rest des Volkes gut sein darf. Ein Muster, das wir aus Politik und Wirtschaft bereits seit Längerem kennen, hat jetzt also auch in der Kultur Einzug gehalten. Und genau so wird dabei ebenfalls aber auch die damit verbundene Kurzsichtigkeit und Vollverblödung sichtbar.

 

Denn jetzt, nachdem bekannt ist, was den Zuschauer in der Inszenierung erwartet, und weswegen überraschende Schockmomente eigentlich nicht mehr überraschend schockieren können, jetzt also, nachdem man weg bleiben kann, wenn man sich das nicht antun will, genau jetzt wird die Inszenierung nicht mehr gezeigt. Jetzt, da vermutlich tausende und abertausende Theater-Fans aus ganz Deutschland nach Düsseldorf reisen würden, weil sie jetzt erst recht genau diese Inszenierung genau jetzt sehen wollen, genau jetzt verbaut das Theater sich und der Stadt die Möglichkeit, als weltoffen und mutig da zu stehen, mal vom einem Zuwachs an Gästen und finanziellen Einnahmen ganz zu schweigen.

 

Ich frage mich, was dieser Intendant eigentlich machen will, wenn sich bei der nächsten Premiere wieder Leute zum Arzt begeben, vielleicht weil sie die Ofenszene von Hänsel und Gretl nicht ertragen können. Und bei der übernächsten Premiere treiben die Töne der Zauberflöte Zuschauer zum Arzt, und bei der übernächsten der Anblick des Intendanten. Will man den Spielbetrieb dann ganz einstellen? Konsequent wärs. Und vermutlich die beste Lösung.

 

Denn ich muss es an dieser Stelle einfach mal los werden. Ich komme ja viel rum in Deutschland, und es gibt natürlich auch in Düsseldorf viele nette, neugierige, tolerante und kreative Leute, nicht zuletzt in der Kabarettszene, aber ich glaube, nirgendwo in Deutschland ist die Arschloch-pro-Einwohner-Quote so groß wie in der

nordrheinwestfälischen Landeshauptstadt. 

 

Wie sonst kann man es sich nämlich erklären, dass in Diskussionsforen und Kommentarspalten diese Entscheidung des Intendanten von einem bestimmten Teil der Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger verteidigt wird, und zwar zu 99% von Leuten, die die Premiere selber gar nicht gesehen haben, sondern einfach nur mit dem Argument, dass man "sowas ja nun auch so nicht zeigen müsse". 

Ich will jetzt nicht den Begriff "Zensur" ins Spiel bringen und schon gar nicht mit einer gewissen historischen Keule kommen und was von wegen "Bücher verbrennen" assoziieren, aber es stellt sich tatsächlich eine unausweichliche Frage:

 

Ist es wirklich nur ein Zufall, dass diese Leute in einem Ort wohnen, der in seinem Namen auf "Dorf" endet?  Oder endet dieses Dorf womöglich gar nicht an seinen Ortsgrenzen, sondern ist in Wahrheit viel weiter verbreitet, als wir alle es uns heute überhaupt erst vorstellen können?

 

Ich weiß nicht, was mir lieber wäre.


Kommentare

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7 Kommentare
#7 Finn S. schrieb am 11.06.2013 21:35

In dieser Debatte kann ich keine Differenzierung zwischen dem Werk Richard Wagners und dem Nationalsozialismus mehr entdecken. Da wird doch automatisch die Verleumdung der Nazis übernommen, die Richard Wagner für ihre Propaganda missbraucht haben. Man muss sich mit dem Werk Wagners schon etwas auskennen, um darüber urteilen zu können. Dann weiß man auch, dass darin keine menschenverachtenden oder rassistischen Botschaften enthalten sind, im Gegenteil. Als überzeugter Linker möchte ich, dass meine Steuergelder für die Bekämpfung von wirklichem Rechtsextremismus verwendet werden und nicht für die Verschandelung von Kulturgut. Das ist nicht nur nicht zielführend, sondern pervers und steht im Grunde genommen auf einer Stufe mit dem Judenhass.

BUTZKOMMENTAR:

Siehe meine Antwort an M. Müller

#6 Adelheid Maruhn schrieb am 02.06.2013 13:04

Danke! Wunderbar! Volle Zustimmung! Und toll, dass auch die Kultur Ihr Thema ist!

BUTZKOMMENTAR:
#5 M. Müller schrieb am 29.05.2013 12:25

hier bin ich mal nicht Deiner Meinung, lieber HG

Moderne Inszenierungen sind o.k. aber manches geht zu weit

BUTZKOMMENTAR:

siehste. und genau DARUM geht es eben nicht! Wenn es Dir zu weit geht, ist es Dein gutes Recht fern zu bleiben... aber wenn ich eine aus Steuermitteln finanzierte Produktion sehen will, um mir SELBER ein Urteil bilden zu können, dann sollte niemand das Recht haben, mich daran zu hindern!! und schon gar nicht der Intendant !!