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Die schönste Nebensache der Welt (MÄRZ 17)

Liebe Freunde des politischen Kabaretts.

Dieter Hildebrandt sagte mal: „Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt. Und ein anderer, stets auf’s Neue gern bemühter Satz lautet: „Fußball hat mit Politik nichts zu tun.“ Nimmt man dann noch den Satz: „Fußball ist die schönste Nebensache der Welt.“, und wendet man darauf den klassischen Dreisatz aus der Mathematik an, ergibt das: „Wirtschaft ist die Politik, die dem Fußball keinen Spielraum mehr lässt.

Und auch wenn ich selber diesen Gedanken erst drei mal lesen musste, bis ich ihn verstanden hatte, so komm ich nicht umhin, festzustellen: „Das stimmt.“

Denn die Sachen, die seit einiger Zeit beim Fußball neben dem Fußball stattfinden, sind alles andere als eine Nebensache. Gewaltverherrlichende Transparente, Unterwanderung der Stadionkurven durch Rechtsextreme, Ausschreitungen der Fans, das alles ist nicht schön. Allerdings nicht erst seit einiger Zeit. Das alles gab’s nämlich auch schon früher. Und mit früher meine ich nicht nur die 80er und 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch schon zu Zeiten der Weimarer Republik.

Richtig gelesen, Zuschauerrandale und Schlägereien zwischen Fangruppen gab es bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Einziger Unterschied zu heute: Damals haben auch die Vereinsvorstände und Präsidenten noch mitgeprügelt. Kein Witz. Zwischen den beiden Weltkriegen war es in Deutschland sogar Führungsschichten im Vereinsfußball viel zu friedlich, so dass sie zusammen mit dem Mob aufeinander los gingen. Zumindest in diesem Punkt hat sich in den letzten 100 Jahren doch ein bißchen was geändert. Auch wenn manches in unserer Gesellschaft heute wieder an die Weimarer Republik erinnern mag, in den Chefetagen des Landes begnügt man sich inzwischen mit verbalem Gefrotzel und überlässt das Gemetzel dem Fußvolk.

Aber wer behauptet, früher hätte man noch problemlos mit Frau und Kindern zum Fußball gehen können, der kann das nur behaupten, weil er früher evtl. gar nicht zum Fußball ging. Und das vielleicht, weil es den Verein, den man heute als Fan begleitet, früher noch gar nicht gab. Womit wir bei RB Leipzig wären.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich finde Gewalt grundsätzlich scheiße. Und zwar nicht nur gegen Frauen und Kinder. Wann immer ich diesen Zusatz höre, wie z B nach den Ausschreitungen gegen die Leipziger Gäste in Dortmund, dass die Gewalt auch Frauen und Kinder betraf, frage ich mich, ob das blaue Auge und gebrochene Nasenbein eines Mannes etwa weniger schlimm sein soll? Wer sprachliche Verantwortung von Fußballfunktionären verlangt, und gleichzeitig bei Gewaltopfern zwischen Männern und Frauen und Kindern unterscheidet, hat anscheinend selber schon zu viel hinter die Löffel bekommen. Jedenfalls würde das die mangelnde Denkleistung erklären. 

Gewalt ist grundsätzlich scheiße. Gegen Männer UND Frauen und Kinder. Punkt. Und gehört grundsätzlich bestraft. Punkt. Die Frage, die sich mir da allerdings stellt, lautet: Warum erst jetzt? Warum erst, nachdem es gegen die Anhänger einer Fußballtruppe ging, die genau so synthetisch produziert wurde, wie das Gebräu ihres Hauptsponsors?

Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten beklagen die Fans diverser Vereine in Dortmund äußerst ungemütliche Anreisebedingungen, und zwar immer im Zusammenhang mit dem Empfangskomitee der Dortmunder Fangemeinde. Da hat es die Presse so gut wie nie so richtig interessiert. Aber kaum sind die Fans von "Reißbrett Brause Leipzig" betroffen, wird daraus ein Medienspektakel, dass man am liebsten dafür das Wort "Gschmäckle" verwenden möchte. Was aber nicht zutreffend wäre, denn schließlich handelt es sich um einen Dosenhersteller, dessen Produkt alles mögliche bietet, nur eben nichts, was auch nur annähernd mit Geschmack zu tun hat.

Und damit wir uns noch mal nicht missverstehen: Natürlich ist dieses Konstrukt gut für den Osten. All jenen, die das anführen, mag ich gerne beipflichten. Aber sie mögen doch bitte nicht vergessen, dass Leipzig für Red Bull nicht die erste Wahl war, sondern erst nach den Absagen von Fortuna Düsseldorf, 1860 München und FC St Pauli in Betracht gezogen wurde. Das zeigt, dass man sich bei Red Bull nicht wirklich für den Osten interessiert. Und allein auch nur auf die Idee zu kommen, bei St Pauli anzufragen, zeigt, dass man sich bei Red Bull noch nicht mal für den Fußball wirklich interessiert.

Und das ist auch der entscheidende Unterschied zu anderen Kommerzvereinen wie z B 1899 Hoffenheim. Der große Sponsor von Hoffenheim war schon Vereinsmitglied, als er selber noch den Müll nach Pfandflaschen durchwühlte, so dass hier also von einer Herzensbindung gesprochen werden kann, während der große Sponsor von Leipzig eine Deutschlandkarte an die Wand hing, und dann einen Club unterstützte, auf den zufällig sein Dartpfeil getroffen hatte.

Ralf Rangnick, der Projektmanager von RB Leipzig sagte mal: „In 500 Jahren ist RB Leipzig genau so ein Traditionsverein wie Borussia Dortmund. Nur eben 100 Jahre jünger.“  Das ist natürlich nicht ganz richtig. Denn wenn die Entwicklung so weiter geht, dann ist RB Leipzig in 500 Jahren genau so ein Traditionsverein wie Starbucks Erkenschwick und IKEA Pirmasens. Borussia Dortmund dürfte es dann so eher nicht mehr geben. Was mich freuen könnte. Wenn ich nicht wüsste, dass es Schalke 04 dann so auch nicht mehr geben wird.

Nur den Fußball, den wird es auch in 500 Jahren ganz sicher noch geben, nur eben nicht mehr als die schönste Nebensache der Welt, sondern der Fußball, der ist dann nur noch die schönste Nebensache des Fußballs. Weil die Politik der Wirtschaft diesen Spielraum lässt. Darauf einen Red Bull.

 

 



Kommentare

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7 Kommentare
#7 Maik schrieb am 01.03.2017 17:01

Von mir "Big Hands" für diesen Kabarettletter.

1. Auch als Mann möchte ich nicht verprügelt werden.

2. Als Fußball Fan galt für mich immer das Motto: "Sche**egal wer gewinnt, Hauptsache Bayern verliert". Das ist nun leider vorbei. Im Dez. 16 habe ich mich zum ersten mal wirklich über einen Bayern Sieg gefreut. DANKE RED BULL!

BUTZKOMMENTAR:
#6 Maddin schrieb am 28.02.2017 23:19

Butzko trifft mal wieder ins Schwarze (in dem Fall dat schwarze Eckige für dat Runde).

 

Dat belegen sogar eindrucksvoll mehrere Kommentare hier. Denn: Die GEtroffenen Hunde bellen bekanntlich am lautesten!

BUTZKOMMENTAR:
#5 Heinrich Glöckle schrieb am 27.02.2017 20:21

Lieber H.G.Butzko,

was ist schon Tradition? Fußball schauen ja, zu viel Bier trinken und pöpeln, ich weiss nicht. Ein bisschen mehr Niveau im Kommentar darf schon noch sein. Vielleicht ist eine leere Südtribüne in 20 Jahren auch schon Tradition. Wir sind auf dem besten Wege dazu. Und zu Leipzig, warum nicht eine Sponsor wie Red Bull? Die müssen ihrGeld auch irgendwie unters Volk bringen. Warum nicht so? Besser wie in der Formel 1 stecken. Und was ist mit den anderen Sponsoren? Leverkusen? allseits beklannt. Wolfsburg? allseits bekannt. Ingoldstadt? allseits bekannt. ... und so weiter. Der eine macht es öffentlich, die anderen verdeckt. Auch Dortmund und Schalke gehören dazu. ich habe selten so einen nostalgischen Biertischkommentar gelesen. Deine politischen Auftritte, wie kürzlich in Wangen hatten ein um Klassen besseres Niveau. Das erwarte ich von dir weiterhin.

Beste Grüße vom Bodensee

Heinrich Glöckle

BUTZKOMMENTAR: