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Die ganze Geschichte (SEPT 18)

Liebe Freundinnen und Freunde des politischen Kabaretts,

 

an dieser Stelle möchte ich Euch einen Lesetipp ans Herz legen, der mir meine Ferienzeit wahrlich bereichert hat, und zwar: „Die ganze Geschichte“ von Yanis Varoufakis, erschienen im Antje-Kunstmann-Verlag. 

Noch nie konnte ich über das Politikgeschäft einen so ungeschminkten und realitätsnahen Bericht lesen, wie in diesem Buch. Eine Produktion wie „House of Cards“ verblasst dagegen zu einer langweiligen Schnarchnummer.

 

Zur Erinnerung: Der griechische Staat war bankrott, die Banken des Landes pleite. Und eine Troika aus Internationalem Währungsfond, Europäischer Zentralbank und der Gruppe von Ländern mit Eurowährung sagte den Griechen: „Wir geben Euch weiterhin Geld, aber nur unter gewissen Bedingungen.“ Worauf die griechische Regierung einwilligte, und Geld bekam. Nur die gewissen Bedingungen entpuppten sich leider als eher gewissenlos, denn sie machten die Notlage in dem Land tatsächlich noch viel schlimmer.

 

Aus diesem Grund wählte die griechische Bevölkerung als nächstes dann die neue Syriza-Partei an die Regierung, die versprochen hatte, diesen Zustand zu ändern. Und diese Partei ernannte mit Yanis Varoufakis keinen Parteibuchkarrieristen zum Finanzminister, sondern einen externen Experten, der als studierter Wirtschaftswissenschaftler weltweit Vorträge und Vorlesungen hält und mit den angesehenste Ökonomen des Planeten im Austausch steht. Und damit meine ich nicht Hans Werner Sinn, denn die Rede ist ja von den angesehensten Ökonomen.

 

Und während Angela Merkel aber noch glaubte, dass man volkswirtschaftliche Zusammenhänge mit einer schwäbischen Hausfrau vergleichen kann, wusste der Varoufakis bereits, dass das nur klappt, wenn sie genau so viel Zaziki wie Spätzle einkauft.

 

Und was der Varoufakis außerdem wusste: Bei all den Gesprächen zur Griechenlandrettung mit IWF, EZB und Eurogruppe, und allen europäischen Finanzministern und Staatschefs, bei all diesen Gesprächen mit Schäuble, und Juncker, und Dijseelbloem, und Mario Draghi, und Christine Lagarde, selbst unser alter Spezl Jörg Assmussen tauchte von den Totgesagten wieder auf und meinte, da ein Wörtchen mitreden zu müssen, was er besser unterlassen hätte, denn bei allen Gesprächen hatte der Varoufakis die ganze Zeit heimlich und unbemerkt an seinem Handy die Aufnahmefunktion aktiviert. Und jedes Wort aufgezeichnet. Und zwar silbengenau und buchstabengetreu. Und das Resultat in diesem Buch veröffentlicht. Yanis Varoufakis ist also ein griechischer Whistleblower. Man nennt ihn seitdem auch den Souflaki-Snowden.

 

Und so ist zum Beispiel in diesem Buch zu lesen, dass allen, aber auch wirklich ausnahmslos allen Beteiligten der Grund für die griechischen Notfallkredite vollkommen klar war. Varoufakis beschreibt das auf Seite 258 folgendermaßen, als er nämlich das erste mal im deutschen Finanzministerium zu Besuch erscheint, und an der Pforte von einem Staatssekretär mit der süffisanten Frage begrüßt wird: „Wann bekomme ich mein Geld zurück?“ Worauf Varoufakis kommentiert: „Wenn Sie die Deutsche Bank überreden, es Ihnen zurückzugeben.“

 

Und so entbehrt es auch nicht einer gewissen Komik, zu erfahren, dass niemand der globalen Finanzelite hinter verschlossenen Türen einen Hehl daraus machte, dass die Rettung Griechenlands einzig und allein der Rettung französischer und vor allem deutscher Banken diente, die nämlich massenweise griechische Staatspapiere eingekauft hatten, obwohl ihnen das Risiko bewusst war. Und nachdem Athen sich als zahlungsunfähig erwies, mussten diese Kredite aber unter allen Umständen beglichen werden, weil sonst in Frankfurt eine Bankenpanik ausgebrochen wäre. Der ganze Aufwand also nur, damit Angela Merkels Versprechen für die Sicherheit der deutschen Spareinlagen sich nicht als das offenbart, was es die ganze Zeit über war: Hohles Geschwurbel.

 

So richtig lustig wir es aber vor allem, wenn Varoufakis seine Gespräche mit Wolfgang Schäuble wiedergibt: Zum Beispiel auf Seite 543 sagt Varoufakis: „Was diese Kredite angerichtet haben: Angeblich haben Sie die Krise gelöst. Tatsächlich haben sie die Krise nur verlängert.“ Worauf Schäuble antwortet: „Ich weiß, ja.“

 

Und wer jetzt glaubt, dass dies doch ein wunderbarer Ansatz sei, um neue Rahmenbedingungen auszuhandeln, erfährt als nächstes dann aber von Schäuble (S 293): „Da das Programm in 17 Tagen auslaufen wird, ist nicht genügend Zeit, sich auf Änderungen zu einigen. Daher bleibt der griechischen Regierung nichts anderes übrig, als sich zu dem bestehende Programm zu bekennen, anderenfalls muss sie die Schließung ihrer Banken hinnehmen.“

 

Oder wie es IWF-Chefin Lagarde erklärte (S 31): „Du hast natürlich Recht, Yanis. Die Zielvorgaben unseres Programms können nicht funktionieren. Aber du musst verstehen, dass sie schon zu viel in dieses Programm investiert haben. Sie können nicht mehr zurück.“

Man stelle sich also mal vor, man ist auf einem Schiff, und hört den Ruf: „Eisberg voraus!“ Und was antwortet die Kommandobrücke: „Mal gucken, wie lange wir den vor uns herschieben können.“

Auf Seite 510 setzt Varoufakis Schäuble sogar die Pistole auf die Brust und fragt: : „Würdest du das Memorandum unterschreiben, wenn du an meiner Stelle wärest?“ Antwort Schäuble: „Nein. Es ist schlecht für dein Volk.“

Schäubles Motto ist also: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg doch ruhig den Griechen zu.“

 

Und die schönste Pointe ist dann aber die Stelle auf Seite 504, wenn Varoufakis Schäubles Strategie durchschaut hat und ihm ins Gesicht sagt:

„Die Franzosen wollten eure Deutschmark benutzen, aber ohne die Souveränität zu teilen“

Worauf Schäuble zu Varoufakis erwidert: „Genau so ist es, aber ich werde das nicht hinnehmen. Jeder, der den Euro will, muss Disziplin akzeptieren. Und es wird eine viel stärkere Eurozone sein, wenn wir sie durch den Grexit disziplinieren.“

Ist das nicht toll? An einem Mitglied ein Exempel statuieren, damit alle anderen spuren. Normalerweise kennt man sowas aus Mafiafilmen. 

 

In ihrer Not haben die Griechen dann bei den Chinesen um Hilfe gebeten, und die waren tatsächlich sogar dazu bereit, und wollten in die griechische Infrastruktur investieren, Fabriken und Zweigstellen ihrer Firmen errichten, Arbeitsplätze schaffen, und sogar massenweise griechische Staatsanleihen kaufen, die ersten Zahlungen liefen sogar bereits auf Athener Konten ein, als plötzlich alle Geldströme versiegten und Funkstille herrschte, bis man aus Peking erfuhr (S 394): Man habe einen Anruf aus Berlin erhalten. „Lasst von Abkommen mit den Griechen die Finger, bis wir mit ihnen fertig sind.“

Che Guevara sagte mal: „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.“ Wolfgang Schäuble sagt: „Auch Sadismus kann sehr zärtlich sein.“

 

Warum lege ich Euch dieses Buch ans Herz? Das interessante ist hier nicht der konkrete Fall Griechenland. Ähnliches dürfte sich z Zt auch während den Brexitverhandlungen abspielen. Und die Türkei sollte auf Knien danken, dass die EU sich bislang geweigert hat, sie als Mitglied in ihren Kreis aufzunehmen. 

 

Es geht auch nicht darum, Partei für Varoufakis zu ergreifen. Man muss nicht mit ihm einer Meinung sein, im Gegenteil, man kann ihn auch komplett scheiße finden, und trotzdem ist dieses Buch immer noch interessant, und zwar für zwei Zielgruppen:

->

1.) Wer wissen will, wie Leute, die wir wählen, um unsere Interessen zu vertreten, hinter verschlossenen Türen miteinander umgehen, der sollte sich unbedingt dieses Buch besorgen (z B -> hier).

2.) Wer etwas verdorbenes oder giftiges gegessen hat, und dringend den Magen ausgepumpt bekommen muss, braucht nicht die 112 zu wählen. Es reicht, dieses Buch willkürlich irgendwo aufzuschlagen, und einfach mit dem lesen anzufangen. Nach spätestens 5 Seiten spart man sich den Notarzt.

 

In diesem Sinne: Gute Besserung.

 

 

 



Kommentare

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5 Kommentare
#5 Rudolf Schonhoff schrieb am 30.08.2018 17:31

Besonders pervers wird es doch noch dadurch, dass ein mit nahezu 2 Billionen EURO verschuldeter Staat wie die BRD Garantien für Griechenland abgibt und daran letztlich 4,5 Milliarden EURO "verdient" hat. Das müsste ich als Privatperson bei meiner Bank für einen Freund versuchen. Ich glaube, da kämen zwei Personen mit einer Jacke, um mich abzuholen. Man könnte soviel darüber erzählen, wie der Staat mit seinen Bürgern verfährt, aber leider schaff man es nicht an die Öffentlichkeit!

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#4 Franz schrieb am 28.08.2018 21:52

Danke für die Buch-Rezension. Der originale Buchtitel heißt übrigens "Adults in the room", wie ich vorhin las. Wenn Erwachsene alleine in einem Raum sind, dann hört sich das voll nach Porno an: unmoralisch, voller schmutziger Gedanken und Taten und vollster Kindergarten. Ich werde es mir holen. Danke.

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#3 Klaudia Th. schrieb am 28.08.2018 15:13

Gute Bücher und politisches Kabarett sind für mich die besten Aufklärer. Danke dafür!

Wenn man sich intensiv mit den Themen Finanz- und Wirtschaftspolitik, EU und Geopolitik befasst, muß man allerdings aufpassen, daß man von leichter Übelkeit nicht in das Stadium des Magengeschwürs endet.

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