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Allein mir fehlt der Glaube (SEPT 17)

In Zeiten religiös motivierten Terrors sollte eigentlich jeder mal kurz inne halten, und sich die Gretchenfrage stellen: „Wie hälst Du es eigentlich mit der Religion?“ 

 

Das erste mal, dass ich mit einem Glauben in Berührung kam, war im Alter von 7 Jahren. Da ist eines Tages plötzlich mein Opa gestorben, den ich bis dahin für den nettesten Opa der Welt hielt. Aber nette Opas machen sich nicht einfach aus dem Staub, und schon gar nicht werden sie zu Staub. Wie soll das gehen? Sind wir hier bei David Copperfield? 

 

Aber eines Tages sagte meine Mutter zu mir den Satz: „Opa ist gestorben“. Worauf ich sie fragte: „Was heißt das?“ Worauf sie mir erklärte: „Nun, er ist eingeschlafen, und wacht nie mehr auf.“ Worauf ich sie fragte: „Wie? Nie mehr? Was soll das heißen: Nie mehr?“ 

Und das war eine Frage, die mich so schnell nicht mehr los ließ, denn neben dem verstörenden Gefühl einer Lücke, die sein Tod bei mir auslöste, gab es da noch eine andere verstörende Erkenntnis, nämlich, dass das Ableben meines Opas auch Rückschlüsse auf meine eigene Sterblichkeit in Gang setzte. Und das im Alter von 7 Lenzen. Eigentlich liest man bei solchen Filmen immer den Warnhinweis: „Nicht geeignet für Kinder unter 14 Jahren.“

 

Denn normalerweise spielte man in diesem Alter gerne mal Cowboy und Indianer, wie man es Sonntags nachmittags im Fernsehwestern sah, und wenn man sich dann abknallte, stand man hinterher wieder auf und trank eine Limonade. Aber liegen bleiben, und nie mehr aufstehen, das war so nicht vorgesehen. Also, da werde ich mich mal mit dem Jugendschutz unterhalten müssen.

 

Wie auch immer, plötzlich war sie da, die erste große Urerfahrung in meinem Leben: Die Angst vor dem Tod. Und anstatt mir einfach nur ehrlich zu sagen, dass jeder Mensch diese Angst hat, und niemand diese Angst wegzaubern kann, unternahmen meine Eltern den Versuch, mir diese Angst zu lindern, indem sie unseren evangelischen Pfarrer ins Haus holten. Eine folgenschwere Entscheidung. Denn kaum stand dieser Mann in unserer Wohnung, erzählte er mir Geschichten über Gott und Jesus, und die unsterbliche Seele, und das Leben nach dem Tod. Was mich überzeugte. Anscheinend sind wir hier also doch bei David Copperfield.

 

Und das fand ich für meine Kinderpsyche zutiefst behaglich, worauf dieser Pfarrer mich dann auch gleich mal einlud, nächsten Sonntag in den Kindergottesdienst zu kommen, was ich dann sehr gerne tat, und – zack – war ich Christ.
Wär ich nur 2000 Kilometer weiter weg aufgewachsen, hätte das selbe Erlebnis mich zum Muslim gemacht. Weiter 2000 Kilometer weiter weg zum Buddhisten. Und noch mal 2000 Kilometer weiter weg zum Verehrer der heiligen Socke vom Planeten Melmok.

 

Eine Erkenntnis, die sodann nur eine logische Schlussfolgerung zulässt: Wenn Gott ein Wesen ist, für das es nur eine einzig wahre Religion gibt, und die Zugehörigkeit zu dieser einzig wahren Religion abhängig ist von der Umgebung, in der man zufällig zur Welt kommt, und dem Elternhaus, in dem man aufwächst, dann ist Gott ein gottverdammt rassistischer Sadist. 

Eine Persönlichkeitsbeschreibung, die vermutlich aber eher Interpretationsspielräume über die geistige Struktur derer zulässt, die an die Existenz einer einzig wahren Religion glauben. Was interessanterweise dann immer auch genau die Religion ist, der solche Leute selber angehören. Na, was ein Glück aber auch. 

 

Wenn es aber nicht eine einzig wahre Religion gibt, warum dann überhaupt einer angehören?

Um liebevoll zu sein, zu mir und allen anderen, brauche ich keine Religion. Um gerecht zu sein, auch nicht. Um treu zu sein, auch nicht. Um friedfertig zu sein, auch nicht. Um ehrlich zu sein, auch nicht. Um an all diesen Tugenden scheitern zu dürfen, auch nicht. Oder um auf die Gretchenfrage vom Anfang zurückzukommen, lautet meine Antwort wie die Faust aufs Auge: „Allein mir fehlt der Glaube.“

 

Alles, aber wirklich ausnahmslos alles, was mir eine Religion für mein Leben zu sagen hat, kann ich auch ohne Religion erfahren. Also an guten Dingen. Klar, wenn ich jemanden verfolgen, foltern und umbringen will, da kann mir natürlich ein religiöser Überbau dabei helfen, mein Gewissen zu beruhigen, und mich von meiner Verantwortung befreit zu fühlen.
Mir einerseits Schuld einreden, wenn ich meine Hände nicht über der Bettdecke lasse, aber mich von Schuld frei sprechen, wenn ich meine Hände mit Blut besudel, zugegeben, das schaffen nur Religionen. Und zwar alle Religionen, quer durch alle Zeiten und Epochen. Ist dann für mich aber auch nicht wirklich ein überzeugendes Argument, einer solchen Glaubensgemeinschaft angehören zu wollen.

 

Eine andere Frage ist natürlich die, was mit mir nach meinem Tod passiert, und ob es nicht günstiger wäre, deswegen einer Religion anzugehören?
Und da verweise ich dann gerne auf einen Kumpel von Faust, nämlich auf Hamlet, der nennt das Jenseits „das unentdeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt.“ Und das finde ich dann doch mal eine sehr realistische Beschreibung, die mich zu einer weiteren logischen Schlussfolgerung kommen lässt, nämlich: Leute, die deswegen in ihre diesseitige Gegenwart investieren, weil sie sich davon Vorteile für ihre jenseitige Zukunft erhoffen, solche Leute nennen wir normalerweise Spekulanten. 

Und was wir von solchen Leuten zu halten haben, durften wir uns in letzter Zeit zur Genüge mit angucken: Für eine persönliche Belohnung über Leichen gehen und nicht mal Halt davor machen, ganze Länder in den Abgrund zu reißen, da unterscheiden sich Investmentbanker von militanten Dschihadisten zunächst mal nur in der Wahl ihrer Mittel. 

Darum mein spiritueller Tipp: Wenn es etwas nach dem Tod gibt, ist die Zeit, sich damit zu beschäftigen, dann, wenn es passiert. Nicht vorher.

 

Jetzt könnte man meinen, wenn man das hier so liest, ich sei Atheist. Stimmt, bin ich, aber kein praktizierender. Neulich hat mich z. B. jemand in der Fußgängerzone gefragt, ob ich religiös sei, worauf ich antwortete: „Um Gottes Willen, bloß nicht.“ Worauf er er blöd geguckt hat. Worauf ich es präziser erklärte:

 

Ich will nicht glauben müssen. Ich will aber auch nicht nicht glauben müssen. Ich unterscheide nur gerne zwischen Religionen und Religiosität: Religiosität ermöglicht nämlich dem Einzelnen eine Beziehung zum Ganzen, wohingegen Religionen Kartelle zur Durchsetzung von Machtansprüchen sind. Deswegen brauchen Religionen unbedingt religiöse Menschen, um ihnen Gottesfurcht einzuflößen. Während religiöse Menschen nicht unbedingt Religionen brauchen, um den lieben Gott einen guten Mann sein lassen zu können. Oder um es anders zu formulieren:

Ich glaube an einen Gott, der mich auch dann liebt, wenn ich nicht an ihn glaube. 

 

Meine Empfehlung: Den letzten Satz jetzt einfach mal sacken lassen und 10 Minuten drüber meditieren. Ja, auch Du, Gretchen.

 

 

 

 

 

 

 



Kommentare

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8 Kommentare
#8 Nina Senegal schrieb am 07.09.2017 20:52

Religiosität ohne Religionen - das spricht mir aus der Seele! Ich sehne mich nach einer neuen Zeit der Aufklärung und einer Reformation unserer Gottesbilder. Für mich wurde die Ablösung von Gott als Vater und von Jesus als dem für meine Sünden gestorbenen Sohn zu einer wahrhaft existenziellen Herausforderung. Heute ist mein Himmel leer und meine Seele ist doch irgendwie fromm geblieben.

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#7 Matthias Budde schrieb am 04.09.2017 14:57

"Gott sei Dank gibt es das nicht, was sich die Menschen unter Gott vorstellen", sagte der Jesuitenpater Karl Rahner. Die Gnade dieses immer ganz anderen Gottes sei mit Ihnen, lieber H.G. Butzko :)

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#6 Jean-Patrick schrieb am 04.09.2017 13:15

In Bayern sagt man u.a. "Grüß Sie Gott!", manchmal auch im Dativ (Griaß Eahna Gott...). Das bedeutet, dass der Sprechende nicht selbst grüßen will, sondern (seinen) Gott beauftragt mich stellvertretend zu Grüßen. Wenn es aber keinen Gott gibt (wovon ich auch überzeugt bin), ist die Grußformel wirkungs- und wertlos. Vielleicht meint das mancher sogar in der Befehlsform, nämlich (sein) Gott solle mich gefälligst grüßen! Dann hält sich wohl jener wirklich für einen Obergott. Sollte es doch so etwas wie einen Gott bzw. eine Göttin geben, dann verstehe ich, warum es um die Welt so schlecht bestellt ist, ist er (sie) doch rund um die Uhr damit beschäftigt die Grüße von ein paar Millionen Alpenbewohnern zu übermitteln! Glückauf & Servus!

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